Lesenswertes und Lieblingsbücher

Eine lange Tradition geht zu Ende…

26 Jahre lange hat Sybil Gräfin Schönfeld in Rheda-Wiedenbrück ihre Auswahl an wichtigen und lesenswerten Büchern vorgestellt. Jetzt verabschiedet sie sich mit 91 Jahren in den wohlverdienten Ruhestand -  aber nicht ohne eine Bücherliste mit ihren Lieblingsbüchern des Jahres 2020 per Mail zu schicken, die wir Ihnen nicht vorenthalten möchten. Lassen Sie sich inspirieren, und vielleicht ist auch noch ein Geschenktipp für Weihnachten dabei.

Wir bedanken uns ganz herzlich für die vielen tollen Buchtipps und wünschen Sybil Gräfin Schönfeldt alles Gute und vor allem Gesundheit!


"Liebe Freunde nah und fern,

darauf hätte ich gleich kommen können: als ich im Sommer die ersten Verlagskataloge bekam und ich mich in die Empfehlungen vertiefte, wurde mir klar, dass wir ja ganz leicht in Verbindung bleiben können, wenn Sie es mögen! Sozusagen digitalisch. Ich mache also wie immer eine Liste für Sie mit etwa einem Dutzend Lieblingsbüchern und drum herum Titel, die zeigen, in welcher Zeit und in welchem Raum wir leben.

Anders: ein paar Zeilen, damit Sie wissen, worum es in dem betreffenden Titel geht.

Keine Preisbücher: das steht in allen Tageszeitungen oder im Internet. 

So – nun geht’s los. Folgende Titel möchte ich Ihrer geschätzten Aufmerksamkeit empfehlen:"


Claire Adam: Goldkind, Hoffmann und Campe

Trinidad – der Dschungel mit seinen Gefahren, ein Junge, der verschwindet. Das macht den Familienroman ereignisreich und spannend.

Madeleine Albright: Die Hölle und andere Reiseziele, Dumont

Sie ist eine wahrhaft europäische Politikerin. In Prag geboren, in den USA aufgewachsen, unter Clinton Außenministerin, usw. usw.  Dazu Familie mit drei Töchtern, ein Musterleben, auch mit den klassischen Hemmnissen einer Frau in der Männergesellschaft der Politik.

Sebastian Barry: Tausend Monde, Steidl, Göttingen

Ein Indianermädchen, von Unionssoldaten gerettet, erzählt von den dramatischen Geschehnissen nach dem verlorenen Bürgerkrieg.

Laurent Binet: Eroberung, Rowohlt

Unsere Weltgeschichte auf den Kopf gestellt: Wikinger landen in Südamerika, dafür die Inka in Portugal. Und Europa? Lesen!

Marie-Claire Blais: Drei Nächte, drei Tage, Suhrkamp

Eine Insel wie ein Paradies, doch da ist bittere Armut neben üppigen gedankenlosen Reichtum. Wie hält man das aus? Schenkt einem der atemlose Text die Lösung? Kann man sie in drei Tagen und drei Nächten erwerben?

Ulrich Brömmling: Max Emden, Hamburger Kaufman, Kaufhauserfinder, Ästhet und Mäzen, Wallstein

Max Emden stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie, wurde unter anderem der Besitzer des KaDeWe in Berlin, der beiden Brissago Inseln im Lago Maggiore. Doch nach 1931 verlor er alles. Wie ihm ging es vielen – das macht die sachlich und genaue Biographie lesenswert.

Wiebke von Carolsfeld: Das Haus in der Claremont Street, Kiepenheuer &Witsch

Ein Junge verstummt nach dem brutalen Mord an seinen Eltern. Erst als ihn der vollkommen unkonventionelle Onkel und die chaotische Tante aufnehmen, beginnt sich die Last auf seiner Seele zu lösen.

Ludwig Fels: Mondbeben, Jung und Jung

Der Mann kommt gerade aus dem Knast, die Frau erbt ein Vermögen. Werden sie glücklich, wenn sie ganz neu anfangen und ihre Träume verwirklichen?

Elena Ferrante: Das lügenhafte Leben der Erwachsenen, Suhrkamp

Nein, keine Serie, sondern ein Solitär. Ja,  wieder in Neapel. Nein, keine Freundinnen, sondern die Entwicklung eines einzigen Mädchens in der noch unbegreiflichen Erwachsenenwelt.

Elisabeth Filhol: Doggerland, Nautilus

Doggerland, das die Insel, die später England hieß, mit dem Festland verband. War schon zur Steinzeit besiedelt, und eine Umweltkatastrophe in unserer Zeit weckt die Geister von einst und das wahre Wesen eines Liebespaares.

Jane Gardam: Robinsons Tochter, Hanser Berlin

Auch dies kein Start einer neuen Serie, auch ein Solitär: das Erwachsenwerden eines elternlosen Mädchens, das wie Robinson einsam auf einer Insel – bei ihr aus Literatur – lebt und Kraft für ein selbstbewusstes Leben gewinnt.

Julia Holbe: Unsere glücklichen Tage, Penguin Verlag

Drei ehemalige Schulfreundinnen treffen sich zufällig wieder, aber die Erinnerungen an damals, an den Sommer mit Sean, bergen Zündstoff und geben der Geschichte Pepp.

Jonas Jonasson: Der Massai, der in Schweden noch eine Rechnung offen hatte, C. Bertelsmann

Autor und Titel sagen schon fast alles. Es kommen noch ein Hochstapler, ein vielleicht echtes Gemälde samt bissigen Sätzen über den modernen Kunstbetrieb dazu.

Dan Jones: Spiel der Könige, C.H. Beck

Eleonore v. Aquitanien, die mit dem König von England und dem von Frankreich verheiratet war, steht im Zentrum dieses gewaltigen Sachromans über die Kreuzzüge, die Pest, Richard Löwenherz, Shakespeare und vieles mehr. Beste Lektüre für lange, leere Tage.

Christian Klinger: Die Liebenden von der Piazza Oberdan, Picus

Triest, bis 1918 in der Monarchie Mittelpunkt der österreichischen Küstenländer, ist die Heimat des jungen Anwalts, dessen Schicksal mit dem seiner Heimat im Guten und im Verhängnisvollen verbunden ist.

Elsa Koester: Couscous mit Zimt, Frankfurter Verlagsanstalt

Die französische Kolonialgeschichte mit der Unabhängigkeit Tunesiens ist der Hintergrund des Lebens dreier Frauen – Mutter, Tochter, Enkelin – die fliehen mussten, die Heimat verloren und in Paris versuchten, neu zu beginnen.

Charles Lewinsky: Der Halbbart, Diogenes

Sebi ist ein Simplicius der Schweiz, erlebt wie jener Krieg, Verrat und Liebe und den Sieg der Bauern über die in ihren klirrenden Rüstungen gefangenen österreichischen Ritter. Eine Parabel über Freiheit und Feudalrecht.

Alena  Mornštajnová : Hana, Wieser

Mähren 1954 – Mira, ein aufsässiges Mädchen und Hana, eine seltsame und einsame Tante – zwischen diesen beiden Außenseiterinnen wird die Vergangenheit nicht nur der ganzen Familie lebendig.

Christoph Nußbaumeder: Die Unverhofften, Suhrkamp

Diese dramatische Familiengeschichte beginnt 1900 mit dem Brandanschlag auf eine Glasfabrik, mit dem Racheakt einer jungen vergewaltigten Frau. Die Folgen der Tat bestimmen im kommenden Jahrhundert ihr Leben und das ihrer Kinder und Kindeskinder.

Yvonne Adhiambo Owuor: Das Meer der Libellen, Dumont

Auf einer Insel vor Kenia findet Ayaana einen Vater in einem Matrosen, der die Welt kennt, in die sich Ayaana hinaussehnt. Ein afrikanischer Entwicklungsroman .

Christoph Peters, Dorfroman, Luchterhand

Das Dorf spielt in Ökologie und Umweltschutz eine entscheidende Rolle. Peters beschreibt minutiös, wie sich alles wandelt, wenn in Sichtweite ein Atomkraftwerk entsteht.

Sabine Peters: Ein wahrer Apfel leuchtete am Himmelszelt, Wallstein

Marie, ein Kind im Glück einer behüteten Welt mit Schwestern zum Spielen mit Phantasie und Sommerreisen, mit Angst vor Wandel und Verlust – voll Poesie so erzählt, dass fast jeder den Glanz der eigenen Kindheit erkennt.

Uta Ruge: Bauern, Land, Kunstmann

Ruge hält präzise die Veränderungen ihres Dorfes von den Nachkriegsjahren bis heute fest. Von den Bilderbuchjahren mit Kuh und Huhn und Kraut und Rüben zum Lebensmittelhersteller im wirtschaftlichen Weltzusammenhang.

 

Ein Kunstgenuss


Claudia Jürgens: Auf der Suche nach dem Paradies, illustriert von Sarah Winter, Edition Zeitblende

Schön ist das Buch in Form und Schrift und seinen Bildern. Schön sind die mehr als zwei Dutzend Texte ausgewählt und so aufgereiht, dass das eine zum anderen führt. Schön wäre es, wenn das Buch dicht beim Leser läge, damit es seine Paradiese öffnen kann. Immer wieder.


Zwei Krimis

 

Stefan Lahr: Das Grab der Jungfrau, C.H. Beck

Spielt in Rom und im Vatikan, und man lernt zwischendurch mehr als Touristen zu sehen bekommen.

Gisela Friedrichsen: „Wir müssen sie leider freisprechen“, Gerichtsreportagen 2005-20016, zu Klampen

Kein Krimi, aber spannender, weil echt, und weil es immer wieder um Recht und Gerechtigkeit geht.

 

Zwei Klassiker

 

Eduard von Keyserling: Feiertagskinder, Späte Romane, Manesse

Eduard von Keyserling stammte aus der Zeit der europäischen Monarchie, aus einer der alten kurländischen Familien und erzählte in seinen Geschichten und Romanen vom langsamen, dramatischen, nicht begriffenen Untergang dieser Gesellschaft .

Olive Schreiner, Die Geschichte einer afrikanischen Farm, Manesse

Das ist nicht nur der erste farben- und faktenüberreiche Roman über das Leben der Europäer in ihrer Kolonialwelt, deren Rechte und Eigenheiten sie oft nicht sahen, sondern auch über die Entwicklung eines klugen und selbstbewussten Mädchens zwischen Buren, Afrikanern und der eigenen englischen Familie. Weltliteratur aus dem Jahre 1883.

 

Drei Großformate

 

Mechthild Frintrup: Das Brennnessel-Buch, atVerlag

Zur Nachkriegszeit hat man aus Brennnesseln Gemüse gekocht. Und in den Märchen spinnt die Schwester zwölf Nesselhemden, um die Brüder zu erlösen. Das und viel Erstaunliches mehr findet man in diesem Buch.

Heino Grunert, Hrsg: Von der Festung bis Planten un Blomen: Die Hamburger Wallanlagen, Dölling & Galitz Verlag

Die Freie Reichs- und Hansestadt warf Mitte des 19. Jahrhunderts ihre mittelalterliche Rüstung ab. Warum und was dann? Europäische und nicht nur Architektur-Geschichte. Für Hamburger ein absolutes Muss.

Annabelle Knaur: Annabelles Winter Kochbuch, knaur

Winter, Schnee und Eis, eine Familie mit Kindern in einem Haus am Berg. Die Illustrationen zeigen wie in einem Fotoalbum, was das für ein Vergnügen und Gewinn sein kann.

 

Vier Sammlungen von Kurzgeschichten, zum Aussuchen

 

Clarice Lispector: Aber es wird regnen, Penguin Verlag

Clarice Lispector wurde in der Ukraine geboren und wuchs im Norden Brasiliens auf. Hochpoetische Frauengeschichten.

Richard Ford: Irische Passagiere, Hanser Berlin

Geschichten von der falschen Wahl, von Pech und Prüfungen und von einem Ende in Würde, wie der Verlag schrieb: Neun meisterhafte Erzählungen über die Unvollkommenheit des Menschen und die Unvorhersehbarkeit des Lebens.

Lydia Davis: Es ist, wie’s ist, Droschl

Facetten des Alltags „Auszüge aus einem Leben!“ Fein und genau mit Humor und Melancholie erzählt.

Richard Middleton: Das Geisterschiff, Steidl Göttingen

Ein Segelschiff im Rübenacker, Piraten und Gespenster, einsame Kinder und Sargverkäufer: das ganze Leben im Augenblick der Literatur: herrliche Unterhaltung.

 

Fünf Sachbücher

 

Barton Gellmann: Der dunkle Spiegel, Edward Snowden und die globale Überwachungsindustrie, S. Fischer

Snowden hatte sich 2013 drei Journalisten anvertraut. Gellmann war einer von ihnen. Er erzählt die Geschichte von Snowden’s Leak noch einmal von vorn, gesättigt mit allem, was seitdem an Fakten, wissenschaftlichen Erkenntnissen und menschlichen Dramen dazugekommen ist.

Anatol Regnier: Jeder schreibt für sich allein, C.H. Beck

Es wird immer wieder gefragt: Wie konnte man nach 1933 in Nazi-Deutschland als Autor leben und arbeiten? Regnier, Enkel von Frank Wedekind, hat die Viten von damals Bekannten wie Fallada, Kästner, Benn und anderen mit all ihren Widersprüchlichkeiten erforscht und erzieherisch dargestellt.

Josef H. Reichholf: Der Hund und sein Mensch, Hanser

Ein neuer Gesichtspunkt, neue Frage: Hat der Mensch den Hund oder der Hund den Menschen zum Haustier gemacht?

Eddy de Wind: Ich blieb in Auschwitz, Piper

Im Januar 1945, nach der Befreiung des KZ Auschwitz durch die Rote Armee blieb ein überlebender Häftling, der Arzt Eddy de Wind, im Lager und schrieb sofort alles auf, was mit ihm und seiner Frau geschehen war: ehe sich die Erinnerung verformte oder verblasste. Das ist anders als in anderen Autobiographien und deshalb, wie ich finde, so wichtig.

Christine Wunnicke: Die Dame mit der bemalten Hand, Wallstein

Ein Roman zur Sache der frühen Forscher und Naturwissenschaftler in Indien um 1764 und um das Sternbild, das die Inder die Dame mit der bemalten Hand nannten.